14 Mai

Die schwierige Sache mit dem zweiten Standbein für Talente

Wie ist es zu schaffen Fußball auf höchstem Amateurniveau und Beruf oder Ausbildung unter einen Hut zu bekommen? Welchen Weg geht der Verein hier im Herrenbereich und was leistet er? Reinhard Hübner, Kolumnist und Autor beim Münchner Merkur ist der Frage bei uns auf den Grund gegangen.

Hier sein wirklich lesenswerter Artikel über den TSV 1860 Rosenheim. Vielen Dank dafür!

In der Regionalliga tummeln sich viele gut ausgebildete Spieler, die den Sprung zu den Profis nicht oder noch nicht geschafft haben. Für die gilt es, sich neben dem Fußball ein zweites Standbein aufzubauen. Wie funktioniert das, wenn man trotzdem weiter hochklassig Fußball spielen will?

Zum Beispiel 1860 Rosenheim: „Mit Geld“, sagt Sandro Sacco, „mit Geld können wir keinen locken.“ Dem Kassier der Fußballabteilung geht es wie den meisten seiner Kollegen im Amateurfußball, er verwaltet den Mangel. Doch der Verein jammert nicht, man ist kreativ. Nur so war es möglich, eine Mannschaft aufzubauen, die als Aufsteiger eine starke Saison spielt und sich schon am drittletzten Spieltag den Klassenerhalt in der Regionalliga Bayern gesichert hat.

„Wir haben das Beste aus unserer Situation gemacht.“ Sacco verrät, wie man es dennoch schafft, gute Fußballer, wie etwa den Futsal-Nationalspieler Danijel Majdancevic in Rosenheim zu halten und Verstärkungen zu holen. Wenn man kein dickes Gehalt bezahlen kann, muss man anderes bieten: „Wir schnüren ein Paket, individuell für jeden Einzelnen.“ Das vor allem Unterstützung bietet bei der Suche nach Arbeit oder beruflicher Ausbildung.

„Natürich, der Traum geht weiter“

So bekommt man immer wieder gut ausgebildete Talente, die an der Schwelle zum Profifußball standen, den letzten Schritt aber nicht ganz oder noch nicht geschafft haben. „Natürlich, der Traum lebt weiter“, sagt Matthias Heiß. Sechs Jahre hat der 24-Jährige in der U 23 des FC Ingolstadt auf den Durchbruch gehofft, nach Rückschlägen und Verletzungen aber spürte er, dass er sich ein zweites Standbein aufbauen muss, studiert Physiotherapie und bekommt in Rosenheim die Chance, trotzdem hochklassig Fußball zu spielen. „Der Verein hilft uns, Sport und Ausbildung möglichst gut miteinander zu verbinden“, sagt Wiggerl Räuber. Drei Jahre hat er in Ingolstadt am Profifußball schnuppern dürfen, nun ist er, athletischer und spielerisch reifer, nach Rosenheim zurückgekehrt: „Hier kann ich mit dem Fußball nun mein Studium finanzieren.“

Der Fokus habe sich verändert, sagt der 22-Jährige, „für mich geht jetzt die Ausbildung vor“. Er kenne inzwischen das Geschäft, „der Markt ist überfüllt mit Spielern, die vom Fußball leben wollen“. Das wollte auch Josip Tomic, als ihn sein Berater nach Deutschland brachte. Der Bosnier wurde bei NK Zagreb ausgebildet, träumte von der großen Karriere in Deutschland. Die Realität hieß zunächst: Regionalliga Nord in Rheden, daneben harte Arbeit in einer Honigfabrik, „von sechs Uhr morgens bis drei Uhr nachmittags“. Über den damaligen Rosenheimer Co-Trainer kam er 2015 zu 1860, hat hier sportlich und beruflich Fuß gefasst: Über einen Vereinssponsor bekam er die Chance, sich zum Automobilkaufmann ausbilden zu lassen, nun steht er kurz vor dem Abschluss und ist glücklich: „Für mich war es schwierig, so allein in Deutschland. Der Verein hat mir viel geholfen, jetzt ist der Beruf für mich wichtiger, so kann ich meine Eltern in Bosnien unterstützen.“

Vereine helfen beim Berufseinstieg

Tomic arbeitet im selben Unternehmen wie Danijel Majdancevic. Auch dem heute 28-Jährigen wurde, als er vor acht Jahren von 1860 München nach Rosenheim kam, eine Lehrstelle vermittelt. Inzwischen leitet Majdancevic die Nutzfahrzeugabteilung, über den Fußball hat er beruflich Karriere gemacht.

Michael Denz könnte nun einen ähnlichen Weg gehen. Ausgebildet wurde der 23- Jährige, der aus dem Raum Rosenheim stammt, im Nachwuchsleistungszentrum der Münchner Löwen. Von dort begab er sich auf Wanderschaft, erst nach Ingolstadt, dann nach Neustrelitz, Halberstadt und Oldenburg. „Ich war weit weg von Zuhause, aber wenn der Verein passt, ist das egal.“ Als er ahnte, auf Dauer nicht vom Fußball leben zu können, ist er im Winter nach Rosenheim zurückgekehrt, bekam vom Verein eine Teilzeitstelle in der Automobilbranche vermittelt und überlegt nun, ob er dort eine Ausbildung beginnt: „Ab einem gewissen Zeitpunkt muss man sich ein zweites Standbein aufbauen“, die Profikarriere aber habe er noch immer im Hinterkopf: „Es gibt ja Leute, die sind erst mit 27, 28 Profi geworden.“

„Hier ist der Konkurrent auch Freund“

Der Traum lebt. Bei allen vier. Rosenheim sehen sie als gute Plattform, „man kann ich hier nicht die dicke Kohle verdienen, aber sich einen Namen machen. Wenn man Leistung bringt, rückt man automatisch in den Fokus“, sagt Heiß. Natürlich ist es eine große Umstellung, vormittags plötzlich nicht mehr zum Training, sondern in die Arbeit zu gehen oder in die Hochschule. Und dann, „wenn man den ganzen Tag gelernt hat, abends auch noch im Training zu funktionieren“, sagt Räuber. Tomic aber sieht auch Vorteile, wenn man „nicht mehr nur auf die Karte Fußball setzt. Man spielt dann einfach lockerer“.

Es sei auch ein anderer, ein angenehmerer Umgang in der Mannschaft, „wenn man nicht nur den Fußball hat“, findet Denz. Natürlich stehe man auch hier in Konkurrenz, „jeder will spielen“, aber man habe „nicht diesen existenziellen Druck, wenn man zweigleisig fährt“. Auf seinen Profistationen hat er schon Mitspieler erlebt, die „nicht nur für sich, sondern auch gegen die Kollegen gearbeitet“ hätten. „Hier ist der Konkurrent auch Freund, der Verein lebt vom Zusammenhalt.“

Möglichst hochklassig Fußball spielen in einem familiären Umfeld und trotzdem auch beruflich vorankommen, das ist es, was Rosenheim seinen Spielern bietet. Sandro Sacco und seine Vorstandskollegen haben inzwischen über die Sponsoren ein Netzwerk gebildet, auch beim Arbeitsamt haben sie einen Ansprechpartner, in den Gesprächen mit potenziellen Neuzugängen können sie auf die individuellen Bedürfnisse eingehen, interessante Perspektiven aufzeigen. „Das klappt natürlich nicht bei jedem, man muss schon auch den Willen und die richtige Einstellung mitbringen“, sagt Matze Heiß.

Nur dann passt man auch in diese Mannschaft, die mit ihrem erfrischenden Fußball Konkurrenz und Experten überrascht hat. Obwohl oder gerade weil sich jeder neben dem Fußball auch eine berufliche Zukunft aufbaut. Wie es Danijel Majdancevic vorbildlich geschafft hat.