6 Okt

Kampf um jeden Cent – Kolumne zum Jugendfußball

Reinhard Hübner ist Autor beim Münchner Merkur und berichtet dort regelmäßig über den Jugendfußball. Er ist ein ausgewiesener Experte und früher auch beim TSV 1860 Rosenheim tätig. Bereits im Sommer hat er eine interessante Kolumne zum Thema Jugendfußball geschrieben, die an Wahrheit und Aktualität nichts verloren hat und die wir hier freundlicherweise veröffentlichen dürfen.

Jugendfußball ist für die Vereine eine aufwändige Angelegenheit – vom Multi-Millionen-Geschäft in den Top-Etagen spüren sie an der Basis nichts.

Früher, als bekanntlich alles besser war, hat man für den Gegenwert von 15 Cent noch eine Breze bekommen. Heute reicht das, je nach Vertrag, vielleicht für 60 Sekunden Quatschen am Handy, einen halben Becher Joghurt (im supergünstigen Sonderangebot). Oder für ein Fußballtraining. Glauben Sie nicht? Rechnen Sie einfach mal nach. Die supergünstige Einheit gibt’s sogar bei ausgebildeten, qualifizierten Trainern.

3H3O1098Und damit ist es nicht getan, der Fußballverein bietet noch mehr: Schicke Trikots, heiße Duschen, Strom, er stellt und pflegt die Plätze, zahlt Schiedsrichter, Verbandsabgaben, organisiert Auswärtsfahrten, Brotzeit, Getränke, Trainingscamps. Und übernimmt Verantwortung für die Kids. Ziemlich viel für 15 Cent pro Stunde. Aber wehe, der böse Vereinsboss wagt, vorsichtig über Beitragserhöhung zu sprechen: Da bricht bei Eltern die Hölle los, fast wie am Spielfeldrand, wenn der blinde Schiri ein brutales Foul an Mamis Liebling ignoriert.

Neulich erst hat ein ziemlich engagierter Verein in Niederbayern, anerkannt als Nachwuchsleistungszentrum, gewagt, einen Zusatzbeitrag von zehn Euro im Monat zu fordern und damit den Jahresbeitrag um 300 Prozent von bisher 42 auf 162 Euro anzuheben. Der Verein hat 19 Juniorenteams mit 50 meist lizenzierten Trainern und Betreuern, die jährlich rund 500 Spiele und 2000 Stunden an Trainingseinheiten absolvieren. Das müsse einfach besser finanziert werden, argumentierte der Verein. Und löste einen wahren Shitstorm aus, wie das heute heißt.

Papis und Mamis, die ihre Kiddis gerade wieder mit dem neuesten Bayern-Trikot für 64,95 Euro ausgestattet hatten, für jede einzelne Gitarrenstunde locker 15 Euro (nicht Cent) hinlegen, sich im Winter einen Skitag gut 200 Euro kosten und das Kind in den Ferien gegen gutes Geld von Ex-Profis in tollen Camps schulen lassen, rasteten völlig aus, selbst Stadträte sprangen ihnen bei, geißelten das Vorhaben als „Abschied des Vereins aus seiner sozialen Verantwortung“. Ist es das? Oder versucht da endlich mal ein Verein, seine Arbeit nicht weiter weit unter Wert zu verkaufen?3H3O0603

Natürlich ist Fußball Volkssport, klar soll er allen zugänglich sein. Viele Vereine bieten in Härtefällen auch gesponserte Mitgliedschaften, oft engagieren sie sich unentgeltlich in der Arbeit mit Flüchtlingen und Asylanten. Dem Normalverdiener aber sollte eine qualifizierte Ausbildung seines Nachwuchses 162 Euro im Jahr durchaus wert sein, zumal doch fast jeder Fußballpapi davon träumt, dass sein Filius später auch mal für 100 Millionen in die Premier League transferiert wird. Funktioniert aber nur, wenn schon unten alles ziemlich optimal läuft.

Dann jedenfalls wäre das Geld richtig gut angelegt, der kleine Ausbildungsverein wäre bestimmt fast genauso stolz wie die Eltern, mit dem feinen Unterschied, dass er wesentlich weniger davon profitieren würde. Der TSV Pähl, Thomas Müllers Heimat bis zur D-Jugend, würde bei einem Transfer nach England sogar leer ausgehen, da nur die Ausbildungszeit nach dem zwölften Lebensjahr angerechnet wird. Und da war Müller schon bei Bayern. 1860 Rosenheim wird wohl immerhin eine für Amateurklubs ganz nette Summe aus dem Schweinsteiger-Transfer erhalten (aktualisierte Info: 38.000 €), in diesem Fall sollten zwei Jahre anrechnungsfähig sein. Immerhin.

Insgesamt aber geht der große Boom, der die finanziellen Möglichkeiten im großen Fußball-Business in astronomische Bereiche verschiebt, an den kleinen Vereinen einfach vorbei. Sie kämpfen um jeden Cent. Und müssen sich dabei von Eltern beschimpfen lassen, die doch auch jedes Wochenende ihren Spaß haben. Wenn sie bei den Spielen der Kleinen mal so richtig die Sau rauslassen können. Für 15 Cent.

reinhard-huebner-ist-autor-der-merkur-kolumne-zwischentoeneAutor Reinhard Hübner

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